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Bericht aus dem Colegio

TODO SE PUEDE - SOMOS FAMILIA

Über das Colegio Ave María, über meine Arbeit und mein zweites Zuhause hier könnte ich ewig schreiben. Es sind erst 7 Monate, die ich hier bin, aber wenn ich überlege, was ich alles hier in Bolivien, in La Paz, erlebt habe, was ich alles gelernt habe, in meiner Arbeit, von meinen Schülerinnen und Schülern, vom Leben in der Gemeinschaft mit den Señoritas, Schwestern und Internatskindern, kommt es mir schon viel länger vor und ich genieße jeden einzelnen Tag hier.

Jeder Tag ist einzigartig und ich freue mich auf jeden Morgen, wenn ich über die Straße in die Schule gehe und erstmal von den Mädchen im Internat aufgehalten werde, die noch eine Umarmung und ein „Beso“ wollen und von rechts und von links von meinen Schülern mit einem „Hallo“, oder „Hello“, je nachdem, ob ich mit ihnen Deutsch-oder Englisch-Unterricht habe, begrüßt werde und schnell mit ihnen durch das Schultor husche, wo man schon mit einem „¡apúrate, apúrate!“ vom Pförtner angetrieben wird.

Und dann geht’s auch schon los ins Klassenzimmer. Pro Klasse sind es zwischen 40 und 50 Schüler, da ist man erst einmal platt. Vor allem, wenn man dann alleine vor der Klasse steht und 45 temperamentvolle, redefreudige und nicht immer für den Deutsch – oder Englisch-Unterricht zu motivierende bolivianische Jugendliche vor sich hat und ihnen das Perfekt oder die Possessivpronomen irgendwie nahebringen möchte. Aber, ich freue mich jedes Mal riesig, wenn ich den Unterricht alleine halten darf, es macht so viel Spaß mit den Schülern zu arbeiten. Mit dem Spanisch war es anfangs ein bisschen schwierig, aber auch das bekommt man hin. Da rede ich dann eben mit Händen und Füßen, ich bin inzwischen ganz gut in Pantomime geworden, und die Schüler haben manchmal ihren Spaß mit mir, wenn ich mal wieder die Wörter für „Haare“ (cabello) und „Pferd“ (caballo) vertauscht habe oder sehr enthusiastisch einen Fallschirmsprung zu erklären und darzustellen versuche. Nein, aber die Schüler meinen es alle wirklich gut. Sie bringen mir Respekt entgegen, sind aufgeschlossen, offen, sehr neugierig, lustig und kreativ. Wenn sie allerdings ihre Klappe nicht halten können, dürfen sie schon gern einmal den Rest der Stunde hinten in der Ecke stehen und zuschauen. Da ist nichts mit „Cool-down“-Extra-Räumen oder was es alles für hochpädagogische Konzepte in den deutschen Schulen für Indisziplinar-Verhalten gibt. Das Hinausgehen aus den Klassenräumen kann durchaus manchmal zu Schwierigkeiten führen, wenn der Türgriff fehlt und man erst einmal den Papierkorb zur Seite schiebt, der die Tür zuhält, oder aber mit den Fingern ins Schlüsselloch greift und mit immer routinierterer Technik die Türe aufzuziehen versucht. Wenn sie doch mal sehr klemmt, ist es auch schon vorgekommen durch das Fenster zu steigen. Dann spaziert man wieder weiter durch die Gänge, in denen über 3000 Schüler wimmeln. In der 10-minütigen Pause ist der Schulhof voll von den Schülern. Wer Hunger hat, kauft sich Snacks, Hot Dogs, Sandwiches oder Kuchen. Man kommt kaum in den 10 Minuten einmal quer über den Pausenhof, die Schüler quatschen gerne und fragen mich viel über Deutschland und Europa oder erzählen von sich, ihrer Familie oder Hobbys. Das freut mich immer.

Seit diesem Jahr arbeite ich mittwochs auch zwei Stunden in der Primaria, weil eine Deutsch-Lehrerin länger krank ist. Es ist eine Herausforderung, aber die Kleinen muss man einfach gern haben. An meinem ersten Tag musste sich ein Schüler vor mir übergeben, eine Schülerin bekam schlimme Bauchschmerzen und es kamen zwei neue Schüler in die Klasse. Und das in 40 Minuten, danach hat mich nicht mehr so viel geschockt. Sie haben aber Spaß an Deutsch und man kann mit ihnen arbeiten. Danach gehe ich immer noch in den Kindergarten zu Schwester Clara. Die ganz Kleinen sind auch richtig goldig, sie lernen die Buchstaben, die Zahlen, es wird gesungen, und im Pausenhof gespielt. Beim Essen geben sie mir immer etwas von ihrer Brotzeit ab, ich will es nie annehmen, aber sie bestehen darauf, sie sind wirklich süß.

Mittags bekommen wir dann vier Mal die Woche Mittagessen im Konvent, das schmeckt immer sehr gut! Die anderen Male kochen wir in unserer Señorita-WG. Wir vier Mädels im Piso 1 sind schnell zu einer Familie geworden. Seit dem ersten Tag fühle ich mich so wohl mit Caro, Lea und Alice. Wir sind immer füreinander da, unternehmen viel und machen aus jedem Tag das Beste. Montag- und freitagabends gehen wir ins Fußballtraining in der Schule, mittwochs und sonntags gibt es Sport mit den Internaten und Dienstag in der Früh ist Gottesdienst für beide Internate in der Kapelle der Schule oder des Konventes.

Die letzte Woche des Schuljahres im November war auch richtig schön. Die Lehrer planen jedes Jahr etwas für die Promoción, die Abschlussklasse, bevor sie ihren Abschluss bekommen. Dieses Jahr haben sie verschiedene Tänze, von den traditionell bolivianischen Tänzen bis zu Michael Jackson und Bruno Mars, getanzt. Caro, Elli und ich haben beim „Waka Waka“-Tanz mitgemacht, es war so lustig. Wir haben wunderschöne Kostüme bekommen und sind als Kusillos über die Bühne gesprungen, die Schüler haben sich sehr darüber gefreut.

Die Schwestern tun ihr Möglichstes und noch viel mehr, um allen gerecht zu werden, um möglichst vielen Schülern einen Platz in der Schule ermöglichen zu können oder einen Platz im Internat, den Lehrern und anderen Angestellten so viel wie möglich zu bezahlen, die Qualität der Schule, des Unterrichts, der Ausbildungen (z.B. in IT, Musik, Ballett,…), der Ausstattung usw. so gut wie möglich zu erhalten. Das fällt aber jedes Jahr schwerer und so können sie schweren Herzens jedes Jahr weniger Schüler in der Schule und in den Internaten aufnehmen.

Die Schwestern geben aber nicht auf um ihre Schüler zu kämpfen und es lohnt sich. Sie sind so stolz, wenn ein Kind, das sie krank von der Straße oder von alkoholabhängigen oder ganz armen Eltern aufgenommen haben, sich in der Schule anstrengt und sich im Internat gut sozialisiert. Sie unterstützen sie, wo sie können und versuchen sie auch nach Schulabschuss mit Stipendien weiterhin zu unterstützen.

Ich kann nur noch sagen, dass ich absolut beeindruckt von dem Engagement der Schwestern, der Schule, den Lehrern und den Schülern bin. Ich lerne hier so viel und fühle mich so wohl in dieser einzigartigen Gemeinschaft.

„TODO SE PUEDE - SOMOS FAMILIA“ – Das steht im Jungsinternat großgeschrieben, es steht für mich auch für die Gemeinschaft von uns Señoritas, aber auch für die Gemeinschaft zusammen mit den Schwestern, den Jungs und Mädchen im Internat, den Lehrern und den Schülern.

Bericht von Veronika Langer, Februar 2016

¡Hola queridos amigos!

Hier ein paar Schlaglichter aus meiner Zeit in Bolivien:

(…) am 1. Oktober war der Día del Arbol, an dem ca. 4000 Schüler inklusive mir mit Bandabegleitung die Straße hinuntergelaufen und –getanzt sind, um auf den Umgang mit Bäumen aufmerksam zu machen. Es wurden auch Preise für die schönsten Kostüme verliehen – nein, mein‘s war nicht dabei …
Am Wochenende habe ich dann mit meinen Mädels Butterplätzchen gebacken und sie waren richtig begeistert. Alle fünf saßen staunend vor dem Ofen und haben den Plätzchen beim Aufgehen zugeguckt . (…)
(Ein anderes Mal) habe ich dann mit meinen Mädels Salchipapas gekocht. Das ist hier eines der typischen platas (Gerichte) und es lässt sich eigentlich sehr einfach erklären, was es ist: Salchicha = Wurst, Papas = Kartoffeln, d.h. man schneidet Kartoffeln und Wurst klein und brät sie in sehr viel Fett an, haut eine Ketchup-Mayo-Mischung drauf und (fertig).

(Immer noch unter) dem Motto des Baumes war dann die große Feria der Schule, bei der jede Klasse so ähnlich wie bei uns am Tag der offenen Tür etwas veranstaltet und natürlich mussten die Señoritas unbedingt alles ausprobieren. Da gab es echt schöne Sachen: Vom Theater über das Mittagessen bis hin zu Spielen gab es eigentlich alles, sogar eine casa del terror!

Wie verbringen Señoritas fern der Heimat Weihnachten?

(Wir waren in einem Hostel in Potosi und haben dort am Vortag) gemütlich Hefezopf und Zimtschnecken gebacken.
An Weihnachten haben wir uns dann als zweites Frühstück die angeblich besten salteñas Boliviens gegönnt. Danach haben wir in Telefonzellen (ja, so etwas gibt es noch in Bolivien) alle drei nebeneinander unsere Familien angerufen. Das Ganze muss ein sehr witziges Bild für die Bolivianer abgegeben haben: Drei aufgelöste Deutsche, die nebeneinander in den Hörer bis nach Deutschland schreien. Nach einem typisch deutschen Abendessen – Kartoffelbrei mit Würstchen – sind wir dann noch in den Weihnachtsgottesdienst gegangen, wo, wie zu erwarten war, zu Beginn der Messe nur drei Leute in der Kirche saßen. Nach und nach hat sich die Kirche aber doch noch gefüllt. In Bolivien ist es Tradition, dass man eine Jesuskrippe oder ein Jesuskind mit in die Kirche nimmt, damit es vom Pfarrer mit Weihwasser besprengt wird. Außerdem gab es keine Orgel, sondern die Lieder wurden mit Gitarre, Cajon und Rasseln begleitet und alle haben bei den mitreißenden Rhythmen mitgeklatscht.
(Vorher) hatten wir es uns in unserem Hostelzimmer schon mit einem Geschenketisch und einem Blumenstrauß gemütlich gemacht. Zur Bescherung gab es dann Schokofondue mit frischen Erdbeeren und Bananen aus der Umgebung – wann hat man das schon mal zu Weihnachten? – und natürlich unseren Hefezopf.

(Im Januar) kehrten wir wieder zurück nach Bolivien, an den höchstgelegenen schiffbaren See der Welt, den Titicacasee. Dort in Copacabana ist (…) Vroni wieder zu uns gestoßen. (…) Mit ihr haben wir dann gleich den Titicacasee in einem Kajak gestürmt, genauso wie einen nahegelegenen Berg, um den Sonnenuntergang über dem „Meer“ Boliviens zu beobachten. (…) Am nächsten Tag ging es dann zur Isla del Sol (Sonneninsel), wo angeblich Inti, der Sonnengott der Inkas, seine sieben Kinder auf die Welt schickte, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Auch heute noch finden sich hier die Weltverbesserer zusammen, (… z.B.) an einem von Hippies überfüllten Strand, an dem wirklich nichts fehlte: Zelte, Gitarren, Yogamatten, Jonglierbälle, (…) Hier war jeder die Ruhe selbst, was auch zu erwarten war bei einem Strand wie auf der Postkarte. (…) Vroni und ich sind dann noch auf die Islas flottantes (Strohinseln) gegangen bzw. mit dem Boot gefahren und haben ein letztes Mal Fisch direkt aus dem „Meer“ genossen.

Fasching in La Paz bedeutet nicht nur Umzug mit traditionellen bolivianischen Tänzen (…), sondern auch die größte Wasser- und Schaumschlacht der Welt. Vor allem am Sonntag zieht die gesamte Jugend ausgerüstet mit Regenponcho, Wasserpistolen, Wasserbomben und Schaumsprühflaschen los in die Innenstadt. (…) Dabei kann man von überall, ob aus dem Autofenster oder aus dem Gebüsch angegriffen werden.

Da scheint der Alltag mit meinen mittlerweile sieben Kiddies fast langweilig (und ist fast) wieder derselbe wie im vergangenen Jahr, aber die Kinder, meine Sparchkenntnisse und meine Erfahrung machen natürlich den Unterschied. (…) Engel sind meine Kleinen natürlich trotzdem noch nicht geworden, aber die Arbeit fällt mir leichter und macht auch mehr Spaß.

Bericht von Lea Köhler, Februar 2016 (gekürzt)